Semantische Bleichung (verfasst am 20.7.2014)

Der vorherige Artikel hatte mir keine Ruhe gelassen und deshalb klickte ich mich ein wenig durch die Welten des großen, weiten Netzes. Man muss den Feind schließlich kennen, bevor er einen überrollt, dachte ich mir. Auf einer Internetseite bezüglich des Themas Kiezdeutsch blieb ich schließlich hängen.

Nachdem ich das Wort Innovation bzw. innovativ zum gefühlt zehnten Mal lesen durfte, wollte ich das Projekt eigentlich schon abbrechen. Aber dann tauchte die erste Satzakrobatik auf, die mein weiterführendes Interesse weckte:
Morgen ich geh Kino.

Was wie spontan dahin gewürfelte Worte anmutet, folgt angeblich doch tatsächlich einer wohldurchdachten Regelung. Das Adverb zu Beginn soll als Rahmensetzer schlicht und einfach den Fokus auf die zeitliche Gegebenheit des darauf folgenden Topiks (also sprich den Gegenstand der Aussage) lenken. Dies geht auch in der räumlichen Variante auf selbige Art und Weise von statten. Im Standartdeutschen würde bei einem Aussagesatz dann zumindest gleich das Verb folgen. Das Kiezdeutsch nimmt sich da lässig ein paar mehr Freiheiten und quetscht noch das Subjekt davor. Neben weiteren vollzogenen Abwandlungen und Wegkürzungen wird dann also solch ein Satz geboren, der recht sonderbar daher gestolpert kommt.
Wahlweise wird auch das Verb gleich an den Anfang des Satzes verpflanzt: Geh ich schwimmen mit Freunde. Das kommt auch im gesprochenen Standartdeutsch vor (… Wird dem Chef gefallen.), aber: Derlei Wortaneinanderreihungen- auf den ersten Blick auch nicht sonderlich formvollendet- stehen dann nicht etwa allein im Raum, sondern bilden nur das Gefolge zu einem vorangegangenen Text und haben den Zweck das vorher Gesagte besser mit der nachfolgenden Aussage zu verbinden.
Fakt ist, dass auch das Standartdeutsche gerne zu Auslassungen greift. Das spiegelt die Vielfalt wider. Sich aber permanent darüber hinwegzusetzen, ist dann doch noch ein Unterschied, wie ich finde. Hinzu kommen schließlich auch noch andere Neckigkeiten, die in den Tiefen der Gehörgänge schlichtweg weh tun.

Das Wörtchen so ist auch noch recht beleuchtenswert. Oder ist es das doch nicht wirklich? Denn eigentlich ist es im Kiezdeutsch bedeutungsleer und setzt höchstens etwas in den Vordergrund. Aber ansonsten…klingt es einfach nur blöd, vor allem wenn es gleichzeitig sowohl vor als auch nach einem Wort auftaucht. Das macht die letzte, laut Sprachforschern noch so angeblich durchdachte Satzspielerei, lächerlich.

Den sogenannten Verschleifungen von Wörtern, wie zum Beispiel gibt’s aus gibt und es, kann auch ich mich nicht entziehen und gehören zum normalen Sprachgebrauch dazu. Das Kiezdeutsch hat sich da aber noch weiterführend damit befasst. Was dabei herauskommt? Ich weiß, wo die gibs. Oder: Es gibs…. Bravo.
Ischwör, so möchte ich nicht reden müssen (siehe besagte These im vorherigen verfassten Artikel).
An dieser Stelle könnte ich noch endlos weiterschreiben.

Aber lassma Thema beenden, sonst musstu als Leser mich Messer machen. Wir sind jetzt anderes Thema, ok? Da stecken übrigens semantische Bleichungen darin. Wer noch Lust hat, darf damit gerne eine Suchmaschine der Wahl füttern.

Die Moral der Geschicht‘: Die aufgeführten bestehenden Verknüpfungen mit dem Standartdeutsch waren recht interessant dargelegt, auch wenn ich glaube, dass sich die jugendliche Sprachentwicklung eher aus einem Bauchgefühl heraus vollzieht- keiner bestimmten, abgehobenen Regel bewusst (!) folgend- und teilweise auch einfach nur aus dem Mund fällt, ohne sich dafür im Anschluss zu schämen, was man da gerade von sich gegeben hat. Dann hat man eben einen neuen, innovativen Zug mit hinein gebracht, der demnächst voll cool durch die Schulhöfe und ÖPNVs schallen wird.

Vieles läuft nur im Kontext; das habe ich ebenfalls gelernt. Dann wundert es mich auch nicht mehr, dass ich bei Gesprächen der nächsten Generation irgendwann geistig aussteige, um nicht weiterhin wie das Schwein ins Uhrwerk blicken zu müssen und dabei nebenbei auch noch meine Hörsinneszellen brutal weggeknicken zu lassen. Ich kenne in der Regel nun einmal das Drumherum nicht, vor allem dann nicht, wenn es sich um ein Telefongespräch handelt und sowieso nur die Hälfte via Schallwellen an mich heran getragen wird.

Apropos Telefonieren und das damit verbundene aufgezwungene Teilhaben-Lassen anderer: Das ist auch noch so ein Thema für sich!

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: