Ab in die Tonne! (01.11.2015)

 

Dass heutzutage vielen Dingen ein geringerer oder zumindest ein anders bezifferter Wert beigemessen wird, als es andere Generationen (so sonderlich weit muss man da gar nicht zurückblicken) für sich selbst festgesetzt hätten, muss man anscheinend so hinnehmen. Die Welt wird immer schnelllebiger und eine Bremsvorrichtung hat der Fortschritt offensichtlich in der Planung vergessen. Lediglich ein Baum scheint diese Maschinerie mitsamt der krankenden Begleit- und Folgeerscheinungen noch stoppen zu können. Weiterentwicklung ist eminent wichtig, sonst stünden wir nicht hier an dieser Stelle, doch gilt es dabei den Preis dafür immer im Blick zu halten. Zu schnell kann sich alles von der langen Leine losreißen und ein ungewolltes Eigenleben zu Tage fördern. Selbst wenn man immer noch irgendwie die Kurve kriegt, irgendwann ist der Punkt erreicht, wo es im Getriebe hakt und die ganze Chose* im Straßengraben landet.

Doch ich schweife ein wenig vom eigentlichen Stein des Anstoßes ab, obwohl der Werteverfall auch hier eindeutig stichwortgebend ist.

Was würdet ihr mit einem frisch geschmierten Brot inklusive Salamibelag machen, das euch euer offenbar getrennt von der Mutter lebende Papi mit auf die Heimreise gegeben hat?

Dieses sicherlich essen. (Einwand anzeigende Vegetarier und Veganer unter euch lasse ich an dieser Stelle mal außen vor.)

Gut, das Mädchen biss auch hinein und nagte die weiche Krume von der Rinde. Die Rinde mit zwischengeschalteten Wurstscheibenresten wanderte zurück ins Butterbrotpapier zur noch verbliebenen halben Doppelschnitte. Daraufhin wickelte sie alles sorgfältig ein….um es zu verstauen und vielleicht später noch auf der Zugreise zu essen….NEIN….um es mit ungerührter Miene geradewegs zum Müllkorb zu tranportieren und darin zu versenken.

Ich schielte prompt zur zugehörigen Mutter herüber. Keine Reaktion. Für beide schien es das Normalste der Welt zu sein, ein halbes Brot einfach so zu entsorgen.

Nicht der Akt des Wegwerfens ließ mich primär die Stirn runzeln, was ja an sich schon nicht besonders heiter stimmt, aber möglicherweise Gründe** hat, sondern diese Regungslosigkeit und Ungerührtheit währenddessen. Und das schon bei einem Grundschulkind.***

In dem Alter habe ich mir dreimal überlegt, ob ich mein während des Schultages nicht hinter die Kauleiste geschobenes Brot wirklich im nächstgelegenen Gebüsch bzw. in der erstbesten Mülltonne versenke, oder nicht doch noch schnell hinterstopfe. Ich habe von meinen Großeltern und Eltern noch ganz wie selbstverständlich und nebenbei gelehrt bekommen, dass man trotz vollen Kühlschrankes nicht verschwenderisch mit den Lebensmitteln umgehen soll und dass man sich auch eben immer nur so viel auf den Teller macht, wie man schaffen kann. Das „Recyceln“ von Resten (so denn noch vorhanden) gehörte auch dazu. Das hat etwas mit Respekt und Wertschätzung vor den Dingen zu tun.

Manchmal hat man das Gefühl, dass gerade jene, die theoretisch nicht so viel haben, sich zum Teil auch am wenigsten Gedanken darüber machen, was sie gerade der Mülltonne zugeführt haben. In solchen Fällen (hoffentlich seltener als befürchtet!) stimmt das besonders traurig. Ist es eine reine Erziehungsfrage? Oder stumpft uns das Drumherum im Alltag immer mehr ab? An jeder Ecke steht ein Supermarkt oder Discounter, wir haben alles, was wir brauchen und noch viel mehr. Da kann man sich schon mal ohne mit der Wimper zu zucken den Luxus gönnen, einen Teil davon ungenutzt zu entsorgen, als wäre er wertloser Unrat.

Ich fange jetzt nicht an mit dem Spruch von dem kleinen Kind in Afrika, das sich freuen würde und so weiter, da dies viel zu polemisch gedacht und nur auf die Tränendrüse zielen würde. Es muss doch auch in einer Wohlstandsgesellschaft noch ein bisschen mehr Respekt vor lebensspendenden Mittel- Lebensmitteln- geben, oder nicht?

Wie schnell passiert es, dass mal wieder etwas im Überfluss oder ohne Sinn und Verstand Gekauftes das Ende seiner tatsächlichen Haltbarkeit (also wenn es wirklich ungenießbar geworden ist) erreicht hat und das Damoklesschwert über ihm drohend schwebt?

Mir passiert das auch hin und wieder. Aber mir kommen dann wenigstens noch Gewissensbisse.

 

 

 

 

* Angelegenheit, Sache

** Ein olles Butterbrot schmeckt irgendwann nicht mehr.

*** Das geschilderte Beispiel spiegelt für mich jedenfalls die Generation „Am liebsten Toastbrot ohne Rinde“ wider, auch wenn es sich hier streng genommen um ein Mischbrot gehandelt hat.

 

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2 responses to “Ab in die Tonne! (01.11.2015)

  • Dampfbloque

    Diese „Strategie“ beschränkt sich ja nicht bloß auf Lebensmittel. Ganz gleich, was man heute kauft: Es ist morgen obsolet. Bei Lebensmitteln gilt dasfreilich nicht, aber besser geht immer („Ih, schmeckt nicht. Was anderes ist vielleicht leckerer.“) und bevor man unnötigen Ballast mit sich herumträgt, wird dieser entsorgt.
    Von mir gern bemühte Beispiel in dem Zusammenhang Smartphones. Ich hätte mit seit Markteinführung des iPhone 2007 ganze 12 verschiedene Modelle kaufen können. Eines besser als das andere. Ich habe mich dafür entschieden, dieses Geld für eine Jahresmiete zu verwenden. Schien und scheint mir sinnvoller.
    Das heißt aber auch, dass nicht nur ideele sondern heutzutage vor allem materielle Werte keinen tatsächlichen Wert mehr haben. Denn schon beim Neukauf ist etwas der veraltete Vorgänger von morgen.

    Gefällt 1 Person

    • senftopfherausgeber

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!

      Förderlich ist es nicht, wenn uns die Werbe- und Technikbranche quasi vorlebt, dass alles nur solange von Wert zu sein scheint, bis der Markt erneut von „Neuerungen“ überschwemmt wird.
      Die Halbwertszeit sinkt immer weiter und die willige Käuferschar mischt munter mit, weil sie meint, nicht hinten anstehen zu wollen.
      Als ob man sich als Mensch allein über Unterhaltungselektronik definieren würde. Traurig!
      Da gibt es andere (menschlichere) Wesenszüge, die an dieser Stelle mehr von Vorteil wären.

      Vor wenigen Jahrzehnten wurden noch Geräte geschaffen, deren Lebensdauer auf möglichst lebenslang ausgelegt war.
      Würde man diese Sichtweise auf heutige Vorgehensweisen ummünzen, wären wir (fast?) bei der Eintagsfliege angelangt. Wenn das nicht mal ein Rückschritt ist…

      Viele Leute vergessen auch, was wirklich wichtig ist. Gerade dann, wenn man sich zwischen dem neusten Smartphone (Zigarettenkonsum dito) und der zu zahlenden Miete (etwas Warmes im Bauch dito) entscheiden muss. Da in Deutschland in der Regel (Ausnahmen gibt es leider) niemand auf der Straße wohnen muss, wird sich gern für das Leckerlie entschieden, auch wenn man es sich im Moment eigentlich nicht leisten kann.
      Das hat etwas mit dem Fehlvermögen zu tun, Prioritäten setzen zu können. Das ist ein echtes Luxusproblem….auch meine ich hier den Luxus der sozialen Absicherungen. Es kann ja „nichts“ passieren, auch wenn ich über meine Mittel hinaus lebe. Kredite machen’s möglich (und zum Teil ausgeprägte mangelhafte Zahlungsmoral).

      Ich male hier zwar in den tiefsten Schwarztönen, aber die Erfahrungen aus alltäglichen Begegnungen bestätigen mich oftmals leider.

      Gefällt 1 Person

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