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Gelauscht Teil II (26.03.2016)

 

An der Bahnsteigkante.

 

Zwei junge Kerlchen unterhielten sich, wobei man diese Unterhaltung streng genommen eher als Echauffieren auf der einen Seite und zustimmend nickendes Lauschen auf der anderen Seite bezeichnen sollte.

Ey, Alder, ich könnte mich so aufregen, ey! Die konnten mir nicht mal in die Augen gucken, ey!

Dann folgte eine Tirade über das deutsche Justizsystem, das ihn offenbar zu Sozialstunden in nicht unerheblichem Ausmaße verknackt hatte. (Glaubt mir, werte Leser, bewusst hätte ich es mir nicht erlauschen wollen, hin und wieder tönten auch nur Bruchstücke an mein Ohr, aber unfreiwilligerweise wurde ich nun einmal Ohrenzeuge. Es wurde mir ja geradezu aufgedrängt, hätte ich nicht ans andere Ende des Bahnsteiges wechseln wollen.)

Mehrmals wiederholte er in wechselnder Wortzusammenreihung seine Aussage, dass ihm von richterlicher Seite her offenbar niemand ins Gesicht schauen wollte (oder wie er meinte: konnte…sozusagen mangels Eiern).

Ey, die können einen doch überhaupt nicht beurteilen, wenn sie einen nicht mal anschauen!

Da gab ich ihm recht. Ein Bisschen.

Die konnten mir echt nicht in die Augen gucken, ey!

Ja, ja…

Ey, da kannst du tausend gute Sachen machen und einmal was Schlechtes….und die gucken dir [bei der Verhandlung/Unterredung] nicht mal ins Gesicht dabei, ey!

 

Also, ich drück es mal so aus:

Wenn man was auch immer für eine Tat begeht, die einen ordentlich Sozialstunden beschert, dann ist das wurscht, ob man vorher die Mustergültigkeit in Person war. Es mildert lediglich die Strafe.

Wenn ich aber im nächsten Atemzug anschließe, dass ich offenbar bereits im letzten Jahr auch schon Sozialstunden ergattert habe, dann kann da etwas mit der Eigenwahrnehmung nicht ganz stimmen.

Wie kann ich mir Milde reklamieren, wenn ich kein Kind von Unschuld bin? Vielleicht würde ich mich an deiner Stelle einmal kurz selbst überdenken, damit es erst gar nicht zu einer sozialstundenpflichtigen Veranstaltung ausartet.

Denn anscheinend, dürfte ich die weiteren Ausführungen zu seinem in die Weltgeschichte hinausposaunten Werdegang beurteilen, mangelt es ihm wohl öfters an Selbstbeherrschung.

 

Das ist aber auch immer so schön klassisch an diesem Typ Mensch. Er verbockt etwas und am Ende tragen die anderen die Schuld. Man selbst hat überhaupt nichts dazu beigetragen, dass dem Gegenüber plötzlich der Schneidezahn ausgefallen ist, oder was auch immer passiert sein mag. Und dann beansprucht man am besten noch die volle Anerkennung der eigenen Persönlichkeit….“Ai, das hast du aber fein gemacht!

 

Jeder hat seine Würde und Anerkennung der eigenen Person verdient, die es zu achten und zu respektieren gilt, auch wenn es gerade bei Mördern oder anderem straffällig gewordenem Volk recht schwer fällt. Ich kann dies aber nicht für mich vehement einklagen, wenn ich mich diesen Vorsätzen immer und immer wieder selbst entziehe….wie geschrieben….Sozialstunden bekommt man nicht für ein Fleißbienchen im Muttiheft!

 

Ich glaube, die Gedankengänge des jungen Mannes waren vom Prinzip her nicht ganz unberechtigt gewesen, jedoch endeten sie leider abrupt am Rande der eigenen Untertasse.