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Ich kann es nicht mehr sehen! (22.10.2014)

 

Selfie hier, Selfie dort, mit und ohne Kanzlerin, sitzend vor dem Mittagessen, Selfies, die eigentlich von fremder Hand und ergo „Fremdies“ sind, mit formvollendeter Entenschnute, Selfies mit und ohne Crash.

 

Seit längerer Zeit schon hat dieser Auswuchs an Egozentrik auch die Automobilwelt durchwuchert und so sprießen bei voller Fahrt frisch und fröhlich die Selbstportraits aus den Fahrersitzen. Weil dies nicht genug der Dummheit gereicht, werden diese stummen Zeugen eines Verstoßes gegen die StVO gleich noch auf soziale Netzwerke geladen…gleichsam bei rollendem Kraftfahrzeug.
Und das mitten unter uns.

 

Wem die eigene Gesundheit und die der Umwelt weitgehend wurscht ist, wer 60 Euro zu viel und ein nach eigenem Empfinden zu mager bestücktes Konto in Flensburg sein Eigen nennen kann, nur zu. Aber ohne mich!

 

Ziemlich dünne Luft herrscht, wenn auch noch Berühmtheiten diesem Selbstdarstellungswahn erliegen, obwohl sie sich mitunter ihrer Vorbildfunktion bewusst sind, weil sie eben für viele, oft junge Anhänger als Leitbild dienen.
Klar, kann man nicht gutmenschlich schmähen, wenn sich auch ein bekanntes Sternchen mal ganz menschlich vor laufenden Kameras einen fetten, ungesunden Bürger hinter die Kiemen schiebt, aber diese bildlich festhaltend bagatellisierte Fahrlässigkeit ist doch ein ganz anderes Kaliber, das bei Nachahmung ernsthaft zu einem höchst akuten Problem führen kann.

 

Nicht umsonst besteht zum Beispiel ein Navi darauf, noch vor der Fahrt programmiert zu werden. Was soll dann also beim Knipsen und Hochladen der Fotos so viel anders, bzw. so viel weniger gefährlich sein?
Fakt ist, dass schon weniger als eine Sekunde mangelhafter Aufmerksamkeit fatale Folgen haben kann. Der berühmte Wimpernschlag.

 

Wir reden über gesunde Ernährung, schadstofffreie Gebrauchsgegenstände und Kleidung, sicheres Kinderspielzeug, CO2-Minimierung, Fairtrade, Feinstaubreduktion, korrekte Erziehung, Frieden und Nachhaltigkeit, aber über Trends dieser Art, denen vor allem junge, hippe Menschen anheimfallen, schweigen wir uns weitgehend aus.
Wir registrieren und vergessen, wenn ein Selfie mal wieder das Letzte ist, was von einem Menschen geblieben ist, nachdem er sich unfreiwillig selbst an den nächsten Baum oder gegen ein anderes Fahrzeug gesetzt hat. Womöglich wurden auch noch Unbeteiligte geschädigt…jeder ist in erster Linie für sein eigenes Glück und Wohlergehen zuständig und verantwortlich, aber das geht gar nicht!

 

Für mich ist und bleibt es eine narzisstische Gedankenlosigkeit, nein, Hirnlosigkeit sondergleichen. Das schreibe ich nicht als etwaig frustrierter weil-nicht-mit-Kamera-ausgestattetes-Handy-Besitzer, sondern weil ich es schlimm finde, dass in solch einem sensiblen Bereich wie dem Straßenverkehr, wo viel passieren kann, das eigene Ego unbedingt ins schönste Licht gerückt werden muss, obwohl man im Normalfall bei einer Autofahrt genug andere, zweckdienlichere Dinge zu erledigen hätte…die Technik störungsfrei beherrschen, Umsichtigkeit beweisen, Regeln erkennen und umsetzen, …
Multitasking ist nicht mehr! Studien haben bewiesen, dass man verschiedene Dinge nicht gleichzeitig gut machen könne. Entweder habe ich die Straße oder das Smartphone im Fokus.

 

Extra angefertigte, der Abschreckung dienende Filmchen im Werbeblock, die einen Selfie-Horrorunfall imitieren, werden zwar vom Konsumenten aufgenommen, aber wie es bei dieser-zu Neudeutsch- „content“-Flut eben so ist, beträgt die Halbwertszeit oftmals nur die Spanne eines Durchschnittskurzzeitgedächtnisses.
Im Endeffekt darf man sich bei Interviews dann auch wenig reumütige Geständnisse anhören oder durchlesen, die wenig Hoffnung auf Besserung machen. Solang demjenigen nichts ernsthaftes passiert, bleibt alles beim Alten…und wenn doch, dann kann er sich ja immernoch über Lob zum schicken Schnappschuss aus der community freuen…falls er noch in der Lage zum Freuen sein sollte…aber erfahrungsgemäß haben solche Leute mehr Glück als Verstand.
Möge das dann wenigstens die verspätete Initialzündung zum Überdenken des eigenen Handelns abliefern!

 

 


Mit gestrecktem Zeigefinger (24.9.2014)

Gestern wurden in Rüsselsheim zwei in einer Fußgängerzone frei herumlaufende Staffordshire Terrier von Polizeibeamten erschossen.

 

Dass Tiere sterben mussten, ist tragisch. Keine Frage. Ihre Schuld war es definitiv nicht!

ABER: Warum wird jetzt allein wieder anklagend mit gestrecktem Zeigefinger auf die Polizei gezeigt?!

 

Sollte man seine Entrüstungsstürme nicht ebenfalls gegenüber dem Besitzer geltend machen, der seine beiden Hunde anscheinend nicht im Griff hatte. Wo blieb seine geltende Kontrollpflicht?!

 

Schön, wenn die Tiere als Aufpasser für die Shisha-Bar dienen sollten.
Das entbindet aber keinesfalls bei solchen Listen-Hunden von der Sorgfaltspflicht, dafür zu sorgen, dass sie eben nicht unbeaufsichtigt umherirren können…selbst wenn unter ominösen Umständen versucht wurde, in die Bar einzubrechen, weshalb die Tiere ins Freie gelangen konnten.

 

Es handelte sich hier um keine Schoßhündchen…und selbst die können schmerzhaft in die Wade beißen.

 

Widersprüchlich finde ich auch, dass die beiden Hunde nur lieb auf der Straße gespielt hatten, aber trotzdem durch einen Onkel des Besitzers nicht einzufangen waren, weil sie keine Halsbänder trugen.
Halsbänder hätten sich doch bestimmt auftreiben lassen…

Toll finde ich auch die obligatorischen Beteuerungen von nahen Anwohnern, Freunden und Bekannten, dass die doch so lieb und niedlich gewesen sind.

Tja, das haben schon viele behauptet und am Ende fehlte einem Kind eine Gesichtshälfte…
Jeder Hund kann eine potentielle Gefahr darstellen…auch der familientreue Golden Retriever kann plötzlich ausrasten, weil er sich lediglich zum Beispiel erschreckt hat oder die Quelle für einen einwirkenden Schmerzinsult falsch zuordnet. Aggressivität ist nicht allein das Problem.
Und so können auch diese beiden Hunde von einem Moment zum anderen zuschlagen, was sie anscheinend auch getan hatten…egal, ob nur eine oder doch zwei Personen betroffen waren. Und diese Rasse hat richtig Kraft!

 

Den tierschützlerischen Aufschrei hätte ich gern gesehen, wenn dort ein Kind vorbeispaziert und angegriffen worden wäre.
Dann hätten die Leute auch wieder nur mit dem Finger auf die Polizisten gezeigt.

 

Die Polizei hätte anders agieren können und müssen. Das bereits kontaktierte Tierheim wäre eine Lösung gewesen. Mit Betäubungsmunition hätte man die Tiere notfalls bändigen können. Letzteres bedarf aber auch eines Sachkundigen mitsamt Material, der nicht an jeder Ecke herumsteht!
Wenn aber schon Menschen angegriffen werden, dann bleibt nicht viel Spielraum. Wer weiß, ob die Hunde nicht noch mehr aufdrehen würden, wenn sie sich bedrängt fühlen.

 

Die ganze Sache ist irgendwie zwiespältig. Welche Seite hat Recht, wer übertreibt, wer redet etwas zu seinen Gunsten schön?
Wenn man nicht vor Ort gewesen ist, kann man dies noch schlechter bis gar nicht beurteilen.

 

Mich regt aber auf, dass wieder solche Die–sind-doch-so-lieb-und-wollten-nur-spielen-Menschen besonders laut tönen, was die Polizei wieder für einen eklatanten Mist verzapft hätte. Ja, auch sie haben sicher Fehler gemacht, aber wenn solche einschlägig eingestuften Tiere außer Kontrolle sind, dann kann man keine einzige Sekunde fürs sie garantieren!! Ich würde selbst für einen Goldie meine Hand nichts ins Feuer legen, auch wenn er jahrelang noch so treu gewesen sein mag.
Es gibt manchmal Situationen, die man nicht berechnen kann.
Es sind Tiere. Und wie Tiere handeln sie auch. Wir Menschen sollten uns nicht anmaßen zu behaupten, in ihre Köpfe schauen und ihr Handeln vorhersagen zu können!

 

Letztlich wurden die beiden Tiere nur Opfer von Sorglosigkeit und Fahrlässigkeit des Besitzers (!), einer Verkettung von unglücklichen Umständen (siehe angeblichem Einbruch…) und der Überforderung von Beamten, die nun allein als Buhmänner erhalten müssen.
Liebe Tierschützer, die ihr im Internet gerade hemmungslos über die Polizei herzieht:
Dann helft ihr doch mal in solch einer undurchsichtigen Gefahrensituation aus! Freiwillige vor!!
Aber aus der Ferne hinter euren sicheren Bildschirmen lässt sich ja vortrefflich wutbürgerlicher Tierschützer spielen. Wurde ja mal wieder Zeit, dass man sich über irgendetwas aufregen kann, nicht wahr? Super, wenn es auch mal wieder die Polizei ist, über die man sich auslassen kann.

 

Ach, und noch etwas:
Man sollte parallel auch mal mit dem Finger auf jene zeigen, die Hunde mit bekannt höherem Aggressionspotential züchten, auf jene, die deren Ruf in der Vergangenheit schlagzeilenträchtig in den Schmutz gezogen haben (Abrichten) und auf jene Besitzer, die ihre Tiere nicht erziehen und somit den Weg dafür ebnen, dass ein Tier (aus Angst…) außer Kontrolle geraten kann!

 

Das Erziehen von Hunden hat nicht nur mit „Gefügig machen“ zu tun, sondern auch mit dem Abhärten gegenüber unbekannten Einflüssen, die auf das Tier einwirken können.
Dies gilt nicht nur für „gefährliche Rassen“, sondern auch für die kleinen Toyrassen, die regelmäßig den rüpelhaften Großkotz heraushängen lassen…oft auch nur aus ängstlicher Reaktion heraus.

 

Das nur mal aus meiner Sicht. Um die Tiere ist es jedenfalls schade.
Der Mensch hat es verbockt.