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Mind the gap! (23.08.2016)

 

 

Realität und (Selbst)Wahrnehmung scheinen recht oft zwei komplett unterschiedliche Paar Schuhe zu sein. Sagen wir bildlich gesprochen, dass das eine HighHeels und das andere FlipFlops wären. Wahrscheinlich ist dieses „recht oft“ auch noch die am häufigsten kleingeredete, jedoch mit der allergrößten Inbrunst vorgetragene Untertreibung seit der erste Einzeller weitgehend gerichtete Bewegungen während des Schwimmunterrichtes vorweisen konnte. Ob dieses von einer mit der Umwelt in Kontakt tretenden Begrenzung  umgebene Konglomerat aus amorpher Substanz und ein paar anderen notwendigen Ingredienzen jetzt das Huhn oder doch eher das Ei war, kann ich itzo nicht mit Sicherheit sagen, da es doch ein paar Jährchen vor meiner Zeit lag, doch das tut nichts, aber auch  rein gar nichts an der Tatsache, dass es eben einfach so ist, wie es ist. Dazwischen klaffen einfach Welten. Punkt.

 

Reflexionen im Stillen

Das Gras ist anderwo immer grüner, du bist stets perfekt und die anderen sind generell einfach unfähig und/oder machen alles falsch…oder zumindest so, wie du es nie, nie, niemals machen würdest, weil es einfach unsinnig, auf Sparflamme gedacht und ganz schlicht und ergreifend nicht von dir stammt.

Doch ist es wirklich richtig, was du für richtig hälst?

Den anderen geht es aber auch immer besser, alle wollen dir nur  Schlechtes und am Ende sind immer alle nur gegen dich. Nie bist du gegen die anderen! Armes Hascherl, das du doch bist!

Doch was würden wohl die Anderen behaupten?

Du pustest Zucker in die Hintern nimmersatter, undankbarer Kleiner-Finger-ganze Hand-Vernascher und erntest doch nur den Pechregen. Die Golddusche fassen stets andere ab. Der Undank, unser Welten Lohn, sei dir gewiss, doch gräme dich nicht: Nicht gemeckert ist Lob genug. Merk ’s dir einfach und beschwer dich nicht!

Doch bist du es nicht selbst, der die freundliche Hand ausbeutet? Wie dankst du es ihr eigentlich?

Oh, weh. Das Leben ist doch eines der härtesten! Erst recht für einen empathischen, hinterfragenden, selbstkritischen, gerechtigkeitsliebenden, selbstzerfleischend aufopfernden, von Anderen gleichsam einfordernden, begrenzt geduldigen Gefühlsmensch, dem dreimaliges, tiefes Durchatmen irgendwann einfach nicht mehr reicht, weil das Maß voll ist und weil er nicht wie ein Verrückter den rundgelutschten Stein wie einst der arme Sisyphos immer und immer wieder zurück bergan rollen möchte und kann, weil es ab einem gewissen Grad an Wiederholungen wider der Natur des logischen Denkens ist. Doch wie soll man das begreiflich machen, ohne dass wieder die Goldwaage ihres Amtes walten muss, auf die man jedes noch so belanglose Detail hin- und herwälzen kann, auf dass das Zünglein doch endlich, endlich ausschlagen möge…damit man mal wieder einen gepflegten Grund hat, um aufzuschreien….einfach um des Aufschreiens willen. Das Warum darf gern zweitrangig bleiben.

Doch bist du, sehender Heroe, besser als die Anderen? Bist du es nicht, der aufschreit, um des Aufschreiens willen? Lässt du nicht selbst das Zünglein an der Waage ausschlagen?

Kein Selbstbild der Welt ist vor Verzerrungen gefeiht. Keiner ist so perfekt, makellos oder kennt den richtigsten aller richtigen Wege, auch wenn es manchmal gern vorgegeben wird, hierzu in der Lage zu sein. Irren ist menschlich. Selbstbetrug auch. Aber ist es nicht erlaubt, dass man andere wider besseren Wissens um dräuend aufziehende Disharmonien mit der Nase auf etwas stoßen darf, auch wenn man es selbst vielleicht gar nicht erfüllen könnte, aber sich doch insgeheim wünscht, es zu können? Sollte der Andere dies nicht eher als Schulterschluss denn als Affront auffassen?

Doch würdest du immer den Schulterschluss dahinter vermuten oder auch nur wieder unwillkürlich zielstrebig den geworfenen Stein im Glashaus suchen?

UND WIE HANDELTE ICH?!

Ich nehme mir zu viel zu Herzen. Mir könnte es egal sein, was andere denken, tun oder bleiben lassen. Ist es aber nicht. Ich möchte nicht in einem „nach-mir-die Sintflut„-Weltbild versacken, nur um ein ruhigeres Leben führen zu können und nicht mehr mich und andere mühsam reflektieren zu müssen. Dann schwelge ich lieber in selbstmitleidigen Unverständnis über die Welt. Dabei bin ich ganz gewiss nichts Besseres oder Schlechteres. Wer weiß, wer über mich den Kopf in jenem Moment schüttelt, in welchem ich meinen Mund unwillkürlich abschätzig verziehe. Wer bin ich, dass ich über Richtig und Falsch richten könnte?! Wie anmaßend oder ungerecht ich damit doch sein kann, ohne es vielleicht sogar zu bemerken. Nicht alle wollen mir Böses. Doch auch ich will niemanden etwas Unrechtes.

Muss denn gleich hinter jedem Wimpernzucken, sei es das meinige oder das der Anderen, eine Intention stecken?

Ich denke manchmal zu viel.

Manchmal denken die Anderen zu viel.

Und am Ende denken wir alle zu viel, aber eindeutig zu wenig nach.

So schüren wir Missverständnisse, Verzerrungen und unnötiges Kopfzerbrechen. Wer kümmert sich denn bitteschön um die Scherbenhaufen?! Wir sind alle keinen Deut besser. Oder schlechter.

Ich muss noch viel lernen. Wie alle anderen auch. Am besten fangen wir gleich an…but: Mind the gap!

 

 

 

 

 

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Gelauscht Teil II (26.03.2016)

 

An der Bahnsteigkante.

 

Zwei junge Kerlchen unterhielten sich, wobei man diese Unterhaltung streng genommen eher als Echauffieren auf der einen Seite und zustimmend nickendes Lauschen auf der anderen Seite bezeichnen sollte.

Ey, Alder, ich könnte mich so aufregen, ey! Die konnten mir nicht mal in die Augen gucken, ey!

Dann folgte eine Tirade über das deutsche Justizsystem, das ihn offenbar zu Sozialstunden in nicht unerheblichem Ausmaße verknackt hatte. (Glaubt mir, werte Leser, bewusst hätte ich es mir nicht erlauschen wollen, hin und wieder tönten auch nur Bruchstücke an mein Ohr, aber unfreiwilligerweise wurde ich nun einmal Ohrenzeuge. Es wurde mir ja geradezu aufgedrängt, hätte ich nicht ans andere Ende des Bahnsteiges wechseln wollen.)

Mehrmals wiederholte er in wechselnder Wortzusammenreihung seine Aussage, dass ihm von richterlicher Seite her offenbar niemand ins Gesicht schauen wollte (oder wie er meinte: konnte…sozusagen mangels Eiern).

Ey, die können einen doch überhaupt nicht beurteilen, wenn sie einen nicht mal anschauen!

Da gab ich ihm recht. Ein Bisschen.

Die konnten mir echt nicht in die Augen gucken, ey!

Ja, ja…

Ey, da kannst du tausend gute Sachen machen und einmal was Schlechtes….und die gucken dir [bei der Verhandlung/Unterredung] nicht mal ins Gesicht dabei, ey!

 

Also, ich drück es mal so aus:

Wenn man was auch immer für eine Tat begeht, die einen ordentlich Sozialstunden beschert, dann ist das wurscht, ob man vorher die Mustergültigkeit in Person war. Es mildert lediglich die Strafe.

Wenn ich aber im nächsten Atemzug anschließe, dass ich offenbar bereits im letzten Jahr auch schon Sozialstunden ergattert habe, dann kann da etwas mit der Eigenwahrnehmung nicht ganz stimmen.

Wie kann ich mir Milde reklamieren, wenn ich kein Kind von Unschuld bin? Vielleicht würde ich mich an deiner Stelle einmal kurz selbst überdenken, damit es erst gar nicht zu einer sozialstundenpflichtigen Veranstaltung ausartet.

Denn anscheinend, dürfte ich die weiteren Ausführungen zu seinem in die Weltgeschichte hinausposaunten Werdegang beurteilen, mangelt es ihm wohl öfters an Selbstbeherrschung.

 

Das ist aber auch immer so schön klassisch an diesem Typ Mensch. Er verbockt etwas und am Ende tragen die anderen die Schuld. Man selbst hat überhaupt nichts dazu beigetragen, dass dem Gegenüber plötzlich der Schneidezahn ausgefallen ist, oder was auch immer passiert sein mag. Und dann beansprucht man am besten noch die volle Anerkennung der eigenen Persönlichkeit….“Ai, das hast du aber fein gemacht!

 

Jeder hat seine Würde und Anerkennung der eigenen Person verdient, die es zu achten und zu respektieren gilt, auch wenn es gerade bei Mördern oder anderem straffällig gewordenem Volk recht schwer fällt. Ich kann dies aber nicht für mich vehement einklagen, wenn ich mich diesen Vorsätzen immer und immer wieder selbst entziehe….wie geschrieben….Sozialstunden bekommt man nicht für ein Fleißbienchen im Muttiheft!

 

Ich glaube, die Gedankengänge des jungen Mannes waren vom Prinzip her nicht ganz unberechtigt gewesen, jedoch endeten sie leider abrupt am Rande der eigenen Untertasse.